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Wissenschaft aktuell 01.08.2016
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„Viele Erwachsene haben das Gefühl, abgehängt zu werden“

Als Erwachsener muss man ständig informiert sein über neue Entwicklungen, sagt Julia Knopf, Professorin für Fachdidaktik Deutsch Primarstufe an der Universität des Saarlandes. Mit ihr sprach Teachtoday über die Ansprüche an die heutige Medienerziehung von Kindern und Jugendlichen und über die Bedeutung von digitalen Medien in der Schulbildung.

Frau Knopf, denkt man zwanzig Jahre zurück, dann scheint die Medienerziehung recht einfach gewesen zu sein: Man musste bei einer bestimmten Fernsehsendung nur das TV-Gerät ausschalten, wenn die Kinder nicht mehr gucken sollten. War sie das?
Der Umgang mit Medien stellte schon immer eine Herausforderung dar und war Gegenstand heftiger Diskussionen. Das war beim TV-Gerät nicht anders als beim Tablet. Allerdings ist es richtig, dass die Angebotsvielfalt größer geworden ist: Es ist eben nicht mehr nur ein Programm im Fernsehen, über das man spricht und das Gegenstand der Medienerziehung ist, sondern zahlreiche Geräte mit eigenen Möglichkeiten und Herausforderungen. Dazu kommen die nahezu grenzenlosen Angebote zur Nutzung der Endgeräte. Medienerziehung umfasst heute also eine Vielzahl an Möglichkeiten ganz unterschiedlicher Provenienz.

Wie hat die Omnipräsenz digitaler Geräte die Beziehung von Eltern und Kindern in Bezug auf die Medienerziehung verändert?
Ein ganz entscheidender Aspekt ist, dass beim Thema digitale Medien meist die Kinder und Jugendlichen einen Wissensvorsprung gegenüber den Erwachsenen haben. Während sich die Eltern z.B. noch über den Datenschutz bei Facebook informieren, interessieren sich die Kinder gar nicht mehr für Facebook und würden sich lieber einen Snapchat-Account anlegen. Werden die Eltern mit diesem Wunsch konfrontiert, müssen sie sich erst wieder über Snapchat aufklären lassen – mitunter von den Kindern und Jugendlichen. Das Eltern-Kind-Verhältnis dreht sich also beim Thema digitale Medien um. Viele Erwachsene haben das Gefühl, abgehängt zu werden und den Trends hinterherzulaufen.

Sollte die Stärkung der Medienkompetenz also nicht nur bei Kindern, sondern ebenso für Erwachsene ein prominentes Thema sein?
Erwachsene haben Vorbildfunktion und müssen ihre Kinder auf ihrem Weg zu einem sicheren und kompetenten Umgang mit digitalen Medien begleiten. Dazu brauchen auch sie entsprechende Kompetenzen. Am besten ist es, wenn Erwachsene Anlaufstellen haben, wo sie sich über aktuelle Entwicklungen informieren können, wo sie kompakt, aber dennoch fundiert und neutral erklärt bekommen, welches Portal in den sozialen Netzwerken gerade angesagt ist, worauf man bei einer App achten sollte, oder wie man den Smartphone-Gebrauch regelt.

Wie lässt sich das auf das pädagogische Fachpersonal beziehen? Müssen Lehrkräfte heute neben didaktischen Instrumenten zwangsläufig über technisches Expertenwissen verfügen?
Natürlich. Die Ausbildung und auch die Fortbildung von Lehrkräften ist elementar, damit pädagogische Fachkräfte die Potentiale digitaler Medien erkennen und nutzen können. In vielen Studiengängen gibt es bereits Veranstaltungen zum Einsatz digitaler Medien im Unterricht, allerdings noch nicht genug. Zudem sind viele Veranstaltungen zu einseitig. Es reicht nicht, den pädagogischen Fachkräften technische und methodische Grundlagen im Umgang mit digitalen Medien aufzuzeigen. Es braucht vielmehr didaktische Anregungen, wie man digitale Medien sinnvoll im Fachunterricht, also zum Beispiel in Deutsch und Mathematik, zur Förderung der Schülerkompetenzen einsetzt. Die Frage ist also nicht "Was kann man mit Tablets im Unterricht machen?", sondern z.B. "Wie kann man Apps zur Förderung literarischer Kompetenzen von Schülern einsetzen?".

Wie können Bildungskonzepte in der digitalen Bildung möglichst viele Menschen erreichen?
Neben den klassischen Medien wie Publikationen oder Vorträgen sind es die digitalen Medien selbst, die stärker genutzt werden müssen. Vor Jahren war es zum Beispiel noch undenkbar, dass Lehrstühle ihren eigenen Account in den sozialen Netzwerken haben. Das hat sich geändert. Wir versuchen heute unsere Erkenntnisse auch über diese Kanäle zu vermitteln. Und natürlich spielen Kooperationen mit anderen Stakeholdern, insbesondere Unternehmen, eine wichtige Rolle. Teachtoday ist dafür ja ein sehr gutes Beispiel. Wir müssen gezielt nach sinnvollen Kooperationen suchen, um möglichst vielen Menschen Wissen, Können und Reflexionskompetenz zum sicheren und kompetenten Umgang mit digitalen Medien zu vermitteln.

Wie sieht es insbesondere in der Schulbildung aus? Sind hier die entsprechenden Lehr- und Lernkonzepte angekommen?
Der sichere und kompetente Umgang mit Medien allgemein ist sowohl in den nationalen Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz als auch in allen Lehrplänen verankert. Allerdings unterscheiden sich die Lehrpläne der Bundesländer stark bei der Konkretisierung dieser Forderungen. Meines Wissens wird in keinem Lehrplan auf die Potentiale von Apps verwiesen, stattdessen bleiben die Beschreibungen der Kompetenzen eher allgemein, z.B. sollen Schüler dazu in der Lage sein, unterschiedliche Medien bei Präsentationen zu nutzen. Aus meiner Sicht ist es auch problematisch, dass es kaum fachspezifische Lehr- und Lernmaterialien gibt, in denen der Mehrwert digitaler Medien z.B. für das Fach Deutsch konkret aufgezeigt wird. Meist handelt es sich bei den Materialien, die im Moment auf dem Markt sind, um gescannte Schulbücher oder allgemeine, fächerübergreifende Methodensammlungen. Das ist aber zu wenig, um digitale Medien im Unterricht gezielt einsetzen zu können. Wenn sich das nicht ändert, werden pädagogische Fachkräfte den Mehrwert digitaler Medien nicht erkennen.

Welche Rollen können dabei außerschulische Initiativen spielen?
Eltern und pädagogische Fachkräfte nutzen die unterschiedlichsten Wege, um sich über einen sicheren und kompetenten Umgang mit digitalen Medien zu informieren. Da braucht es auch außerschulische Initiativen, die sich dieses Thema auf die Fahnen schreiben. Allerdings ist es gerade bei außerschulischen Initiativen wichtig, dass sie ihre Informationen einer Qualitätskontrolle unterziehen. Es gibt im Moment viel zu viele Portale, die beliebige Materialien hochladen, ohne dass diese auch nur in Ansätzen den aktuellen Standards entsprechen. Es erfordert viel Engagement und vor allem auch eine Zusammenarbeit mit Experten, um qualitativ hochwertige Inhalte zu entwickeln und diese stets tagesaktuell auf den Plattformen einzupflegen. Das ist eine große Herausforderung und ich bin mir sicher, dass sich Erwachsene und pädagogische Fachkräfte mittelfristig nur die Portale heraussuchen, wo das der Fall ist.

Das Interview führte Martin Daßinnies

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