Die digitale Welt bietet tausende Quellen

Digitale Medien und vor allem soziale Netzwerke wie YouTube, Snapchat oder Facebook sind aus dem Alltag junger Menschen nicht mehr wegzudenken.
Teachtoday sprach deshalb mit dem Netzaktivisten und Blogger Markus Beckedahl über die Bedeutung von sozialen Medien in der Meinungsbildung.
Bild
Herr Beckedahl, ist Ihnen das persönliche Gespräch bei den vielen Möglichkeiten der sozialen Medien noch wichtig?
Das ist für mich sehr wichtig! Mir ist aber ebenso bewusst, dass ich nicht mit allen Kommunikationspartnern in einer ruhigen Ecke sitzen kann, um mit ihnen persönlich zu sprechen. Ich habe oft nur begrenzt Zeit, da sind digitale Medien für mich eine große Erleichterung.
Aus der Perspektive eines Journalisten: Haben soziale Medien die Art und Weise, wie sich junge Menschen zum Beispiel über politische Themen eine Meinung bilden, verändert?
Was sich vor allem verändert hat: Es gibt viel mehr Meinungsquellen. Das ist die heutige Herausforderung, nicht nur für junge Menschen. Früher gab es weniger Medien und für viele Menschen war klar, dass die meisten zumindest vertrauenswürdig waren. Heute bietet die digitale Welt tausende Quellen. Es ist deshalb nicht immer leicht, eine Information richtig einzuordnen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Welche Inhalte man auf Facebook sieht, hängt davon ab, wie man Facebook nutzt, also welchen Freunden man folgt und welche Themen man bevorzugt ansieht. Facebook filtert Inhalte nach dem Nutzerverhalten. Es zeigt bevorzugt jene an, die man anklickt. Gerade junge Menschen verstehen das häufig nicht.
Als Nutzer sieht man also verstärkt Inhalte, die lediglich das eigene Interesse bestätigen?
Ja, es kann passieren, dass man sich in einer Filterblase einigelt und nur noch Informationen erhält, die dem eigenen Interesse entsprechen. Welche konkreten Auswirkungen eine Filterblase hat, ist jedoch wissenschaftlich bisher nicht belegt. Es gibt dazu noch zu wenig Forschungsergebnisse. Aber die Gefahr, dass man sich in ein vereinfachtes Weltbild begibt, ist gegeben.
Wie informieren sich Ihrer Meinung nach junge Menschen heute über Medien?
Vor allem kommunizieren sie über Messenger, dort werden viele Inhalte geteilt. Snapchat und Instagram sind wichtig, wobei es dort mehr um die Selbstinszenierung, als um Nachrichten geht. Klassisches Fernsehen, vor allem im Nachrichtenbereich, gucken ältere Kinder wohl nur noch bei ihren Eltern.
Kinder und Jugendliche schauen dafür YouTube.
Im politischen Bereich gibt es da relativ wenig Formate für junge Menschen. Bei denen, die es gibt, habe ich häufig das Gefühl, dass sie von Lehrern geschaut werden. So nach dem Motto: Schauen wir mal, was die Jugend macht. Bei vielen erfolgreichen YouTube-Formaten geht es ganz einfach nur um Entertainment.
Ist das ein Grund zum Schwarzmalen?
Nein, früher hat auch nicht jeder die Bücher der Bundeszentrale für Politische Bildung gelesen. Ich glaube, Erwachsene sollten akzeptieren, dass Kinder und Jugendliche andere Interessen haben. Erwachsene sollten deshalb Angebote schaffen, die junge Menschen interessieren und sie stärker in Entscheidungsprozesse einbinden.
Gibt es für junge Menschen denn überhaupt noch Wegweiser durch die Medienvielfalt?
Natürlich, gerade YouTube zeigt das doch. Früher war die Bravo für sehr viele junge Menschen ein wichtiger Wegweiser durch die Pubertät. Diese Rolle wird nun von YouTubern übernommen. Sie greifen die Themen auf, die für junge Menschen interessant sind. Für ältere Menschen mag das, was dort passiert, schwer begreiflich sein. Die sozialen Medien funktionieren eben anders. Aber bei vielen Phänomenen der Digitalisierung reden wir eigentlich über gesellschaftliche Phänomene.
Welche meinen Sie?
Populismus hat es zum Beispiel immer schon gegeben. Nimmt er zu, weil die digitalen Medien schnellere Verbreitung ermöglichen oder spielt die Globalisierung eine Rolle, weil die sozialen Verhältnisse für Menschen unsicherer werden? Es ist schwierig, auf diese Frage eine eindeutige Antwort zu geben. Denn sowohl der technische Fortschritt als auch gesellschaftliche Phänomene sind von Bedeutung. Dieser Zwiespalt findet sich für mich auch in der Medienwelt wieder. Wer mit Tageszeitungen groß geworden ist, für den können Kommunikationsformen junger Menschen unverständlich sein. Das ist aber nichts Ungewöhnliches.
Was kann man Eltern diesbezüglich empfehlen?
Interesse an den Themen von jungen Menschen haben. Ihnen zuhören und gemeinsam darüber sprechen.
Zur Person: Markus Beckedahl ist Chefredakteur und Gründer von netzpolitik.org. Das Blog beschäftigt sich mit digitalen Freiheitsrechten und weiteren netzpolitischen Themen. Er ist zudem Gründer der Konferenz re:publica, die sich alljährlich mit Themen wie der digitalen Gesellschaft und dem Web 2.0 befasst.

Das Interview führte Martin Daßinnies.