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Wissenschaft aktuell 11.07.2016
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"Apps sind per se weder gut noch schlecht"

Silke Ladel ist Professorin für Didaktik der Primarstufe mit dem Schwerpunkt Mathematik an der Universität des Saarlandes. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in der Erforschung sinnvoller Einsatzmöglichkeiten zum Lehren und Lernen von Mathematik mit digitalen Medien. Aber was genau ist ein sinnvoller Einsatz? Teachtoday sprach mit Silke Ladel über die Bedeutung und die Chancen von Apps im Bildungsbereich.

Frau Professor Dr. Ladel, Sie setzen Apps täglich in ihrem Beruf ein. Aber wie erleichtern Apps ganz konkret Ihren Alltag?
Meinen individuellen Alltag erleichtern Apps insbesondere in drei Punkten: Durch die Möglichkeit, Nachrichten filtern zu können, erleichtern sie erstens das gezielte Lesen von für mich interessanten Themen, die zudem stets aktuell sind. Zweitens unterstützen Apps durch den schnellen Zugriff auf Zug- und Busverbindungen die Planung meiner zahlreichen Dienstreisen und das Zurechtfinden in fremden Städten. Und drittens erleichtern Apps meine Kommunikation im Alltag, da Nachrichten zeit- und ortsungebunden gelesen und geschrieben werden können.

Welche App haben Sie sich zuletzt heruntergeladen?
Mein Arbeitsschwerpunkt liegt in dem didaktisch sinnvollen und zielorientierten Einsatz digitaler Medien zur Unterstützung mathematischer Lehr- und Lernprozesse. Dazu ist eine ständige Analyse neuer Apps notwendig. Insofern ist auch die zuletzt von mir heruntergeladene App bezogen auf den Erwerb mathematischer Kompetenzen.

Gibt es Apps, die sie nicht benutzen würden?
Apps sind per se weder gut noch schlecht. Entscheidend ist wie und wozu sie genutzt und eingesetzt werden. Eine grundsätzliche Offenheit und Neugier gegenüber Apps ist notwendig, um mögliche Potenziale zu entdecken und zu nutzen. Der tatsächliche Nutzen ist jedoch individuell ganz unterschiedlich. Beispielsweise ist der digitale Einkaufszettel für andere mit Sicherheit sehr vorteilhaft, ich persönlich schreibe ihn aber immer noch gerne und schneller per Hand.

Es gibt eine riesige Auswahl an Apps. Woran aber erkennt man gute Apps? Gibt es eine Faustregel?
Nein, eine Faustregel gibt es nicht. Meine langjährige Erfahrung in der Analyse von Apps hilft mir schneller zu erkennen, ob eine App gut ist. Oft ist dazu ein längeres Erkunden und insbesondere Studieren des Umgangs von Kindern mit der jeweiligen App notwendig und manchmal hält sie Überraschungen bereit. So unterschiedlich jedoch die verschiedenen Ziele der zahlreichen Apps sind, so unterschiedlich sind auch die jeweils heranzuziehenden Bewertungskriterien.

Sie teilen Apps in Ihren Analysen u.a. in die Kategorien Spielen, Unterhaltung und Lernen ein. Was steckt hinter dieser Einteilung?
Bei den Kategorien Spielen, Unterhaltung und Lernen handelt es sich um Schwerpunktsetzungen, die für Eltern und pädagogische Fachkräfte bedeutsam sind. Apps sprechen meist mehrere Aspekte an und so sind Überschneidungen normal. Je nachdem, mit welchem Ziel und zu welchem Zweck eine App eingesetzt wird, ist eine andere Zuteilung vorzunehmen. So kann beispielsweise die App "Angry Birds" zum Spielen genutzt werden, genauso gut ist sie aber auch als Ausgangspunkt zum Lernen mathematischer Inhalte geeignet.

Welche Rolle spielen Fachkräfte bei der sicheren und kompetenten App-Nutzung von Kindern?
Fachkräfte und auch Eltern können ganz entscheidenden Einfluss darauf nehmen, dass Kinder Apps kompetent nutzen. Neben der wichtigen Vorbildfunktion ist es ihre Aufgabe, gemeinsam mit den Kindern über die sinnvolle Nutzung von guten Apps zu sprechen und Positivbeispiele aufzuzeigen.

Instant Messaging für die Hausaufgaben oder die Wetter-App im Erdkunde-Unterricht: Worin sehen Sie die größten Potentiale von Apps im Lern- und Lehralltag?
Allgemeine Potenziale von Apps liegen u.a. in der leichten Veränderbarkeit, dem flexiblen Einsatz sowie der Interaktivität. Je nach Fach bringen Apps viele weitere Potenziale mit sich, wie z.B. in der Mathematik die automatische Verknüpfung verschiedener Features, die für ein besseres Verständnis mathematischer Inhalte sorgen kann.

Wenn Apps zum Lehren und Lernen verwendet werden sollen, brauchen Kinder die passenden Geräte. Stellen die Anschaffungskosten ein Hindernis für Apps in der Bildung dar?
Die Geräte sind lediglich ein Aspekt der gezielten Nutzung und des sinnvollen Einsatzes digitaler Medien im Bildungsbereich. Mindestens ebenso wichtig sind jedoch die didaktischen Konzepte. Das eine hängt sehr eng mit dem anderen zusammen.

An vielen Schulen in Deutschland herrscht Handyverbot. Wie wirkt sich das auf die Nutzung von Apps aus?
Ohne Hardware kann die Software nicht genutzt werden. Verbote haben noch nie geholfen. Viel wichtiger ist es, den Schülerinnen und Schülern – ebenso wie den Lehrpersonen – zu zeigen, wie sie Handys gezielt und sinnvoll im Unterricht nutzen können und ihnen positive Beispiele aufzuzeigen.

Apps decken schon sehr viele Lebensbereiche ab. Aber wo geht die Reise hin? Welche Bereiche werden Ihrer Meinung nach als nächstes von Apps erobert?
Apps decken zwar schon viele Lebensbereiche ab, von einer "Eroberung" sind sie jedoch noch weit entfernt. Die Technik ist bereits viel weiter als deren sinnvolle Nutzung. So geht die Reise zunächst dahin, dass das große Potenzial des bereits Vorhandenen auch tatsächlich gezielt genutzt wird. Dabei steht der Bildungsbereich mit an vorderster Stelle.

Werden Lern-Apps womöglich irgendwann die Nachhilfelehrer ersetzen?
Es ist nicht das Ziel von Lern-Apps, Lehrpersonen zu ersetzen. Ziel ist es das Lehren sowie das Lernen von fachlichen Inhalten sinnvoll zu unterstützen. Was sich ändert, ist die Art und Weise, wie gelehrt und gelernt wird.

Haben Apps denn die Chance, bisherige Lernkonzepte zu verändern oder abzulösen?
Lernkonzepte sind sehr komplex und durch verschiedene Faktoren bedingt. Gute Apps in der Hand einer fachlich, fachdidaktisch und mediendidaktisch kompetenten Lehrperson haben das Potenzial, in gute Lernkonzepte integriert zu werden und diese weiter zu entwickeln.

Das Interview führte Martin Daßinnies.

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