Es besteht eine große Hilflosigkeit

Cybermobbing gehört zum Schüleralltag. Viele Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern wissen zwar um das Problem, aber: Was tun?
Jürgen Schmidt ist Gründer einer Gesellschaft für systemische Pädagogik. Er führt Mobbinginterventionen durch, berät Eltern und Lehrkräfte und bildet Fachkräfte in Interventionsmethoden fort. Teachtoday sprach mit ihm über Mobbing im Internet und wie Lösungswege und Interventionen aussehen können.
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Herr Schmidt, Sie sind seit Langem in der Schulsozialarbeit tätig und haben viele Konflikte erlebt und begleitet. Sind Konflikte immer schlecht?
Konflikte sind da und gehören zum menschlichen Leben dazu. Menschen handeln im Guten wie im Bösen und sie können daran wachsen und viel Gutes lernen. Entscheidend bei Kindern und Jugendlichen ist: Sie brauchen einen positiven sozialen Maßstab, an dem sie selbst ihr Verhalten messen können und gemessen werden. Diesen im Alltag zu vermitteln ist die pädagogische Aufgabe von Lehrkräften und Eltern.
Durch Ihre Arbeit kommen Sie häufig mit Mobbing und Cybermobbing in Kontakt. Sind Schulen für dieses Thema genügend sensibilisiert?
So langsam verstehen die meisten Bildungsverantwortlichen, dass die Digitalisierung nicht nur in der Wirtschaft stattfindet, sondern auch in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen ein hoher Handlungsbedarf besteht. Aber aufgrund der Finanzarmut und dem daraus resultierenden Personalmangel im Bildungsbereich besteht eine große Hilflosigkeit, wenn trotz medienpädagogischer Projekte die Konflikte digital eskalieren. Es braucht mehr Personal, Zeit und mehr Fachkompetenz, denn der Bildungsplan ist so voll, da haben die Lehrkräfte kaum Zeit für ein gutes Konfliktmanagement. Sie sind meist auch nicht dafür aus- oder fortgebildet.
Wie unterscheiden sich Mobbing und Cybermobbing. Ist eine Trennung der Begriffe überhaupt sinnvoll?
Mobbing beinhaltet regelmäßig anhaltende, systematische Angriffe auf eine Person, mit der Absicht sie zu schädigen und sich selbst zu erhöhen. Wenn das mit digitalen Mitteln geschieht, ist es Cybermobbing. Aber das Schädigungspotential ist weitaus größer als beim analogen Mobbing, denn Cybermobbing kann 24 Stunden am Tag, sieben Mal die Woche erfolgen. Es verschwindet nie richtig und kann innerhalb kürzester Zeit eine große Gruppe erreichen. Dabei ist der Ausgangspunkt für Konflikte, die sich in der digitalen Welt fortsetzen, oft die Klasse selbst, also die Lebensgemeinschaft vor Ort in der Schule. Die Grenzen zwischen Privat- und Schulleben verschwimmen und die Schulklassen werden immer mehr zur Bühne des Konfliktgeschehens.
Wie können solche Konfliktentwicklungen aussehen?
Sie beginnen oft mit einer Testphase, einer sogenannten Cyber-Attacke. Jemand mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Anerkennung und Macht erniedrigt einen anderen. Bei diesem Test wird geschaut, ob eine Gruppe darauf einsteigt. Gibt es Likes? Erhält der Attackierende Unterstützung? Dadurch wird er zur Fortsetzung motiviert. Erfolgreiche Cyberattacken führen zu einer Selbstverständlichkeit der Tat und zu einem Automatismus, der nicht mehr unkompliziert beendet werden kann. Aus dieser sogenannten Manifestationsphase entwickelt sich Cybermobbing.
Wie kann man sich diese Manifestationsphase vorstellen?
In der Manifestationsphase besteht in einer Gruppe weitestgehend Einigkeit bezüglich der Ausgrenzung des Opfers. Die hält die Aktionen des Täters für gerechtfertigt und ist der Meinung, dass das Opfer es verdient hat, angegriffen und herabgewürdigt zu werden. Der Werte- und Normenrahmen ist deutlich verrutscht.
Wie sehen denn Rollenverteilungen bei den Beteiligten aus?
Es gibt Täter und meistens Assistenten, die hilfreich mitagieren. Dazu kommen Zustimmer, Claqueure, die Beifall klatschen und Likes geben. Dann gibt es die Zuschauer oder die Neutralen. Sie können zwischen Zustimmung oder einfach nur zugucken pendeln. Und es gibt Unterstützer, die dem Opfer zur Seite stehen. Die Täter handeln instinktiv und besitzen entgegen einiger Theorien eine große soziale Kompetenz. Sie können sich in Andere hineinversetzen und sie wissen, wie man Stimmungen schafft und die Atmosphäre in der Klasse manipuliert.

So können sie zum Beispiel eine ganze Klasse dazu bringen, dass diese Mitgefühl mit ihnen hat, indem sie sich selbst als Opfer präsentieren. Diese verschiedenen Rollen müssen bei einer Intervention berücksichtigt werden. Auch ein Opfer kann Täter werden, indem es gewalttätig agiert. In solchen Fällen ist es sehr viel schwieriger Mobbing zu beenden. Die Wirklichkeit ist komplex, es braucht daher eine gute Diagnostik, um erfolgreich gegen Cybermobbing zu intervenieren.

Spielt Empathie eine wichtige Rolle bei Cybermobbing?
Empathie ist ein Oberbegriff, der die Bereitschaft bezeichnet Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Empathie bedeutet aber nicht gleichzeitig Mitgefühl mit dem Opfer zu haben. Aber gerade Mitgefühl braucht das Opfer. Täter können sehr empathisch sein, sie haben jedoch kein Mitgefühl. Sie können sich in einen anderen hineinversetzen. Sie besitzen soziale Kompetenzen. Deshalb wissen sie, was den anderen trifft und wie sie die Gruppendynamik manipulieren und Stimmen von anderen gewinnen können. Sie wissen, wie man die sogenannte Generationsgrenze undurchlässig macht, bei der die beteiligten Kinder oder Jugendlichen den Konflikt gegenüber Erwachsenen verschweigen. Das sind Strategien, in denen viele Bullies, ein anderes Wort für Täter, gut sind, besonders dort wo es heftiges, anhaltendes Mobbing gibt.
Wie sieht in so einem Fall die systemische Intervention aus?
Systemisch Denken und Handeln bedeutet, die verschiedenen Ebenen des Konfliktgeschehens im Auge zu haben, denn Aufgabe der Diagnostik ist es, das Konfliktgeschehen auf diesen Ebenen zu verstehen. Wo eskaliert der Konflikt? Wer ist beteiligt? Warum unternehmen potentielle Verteidiger nichts? Oft beeinflussen sich diese Ebenen gegenseitig. Eine einzelne Klasse ist ein eigenes System. Systemische Intervention heißt unter anderem, mit den Klassen zu arbeiten.

Es ist deshalb ganz entscheidend, die Klassen dafür zu gewinnen, dass sie ihre Normen und Werte überprüfen. Das erfolgt nicht dozierend, sondern die Klassen werden an die Hand genommen und darin unterstützt, betroffen und mitfühlend auf Erniedrigung und Diskriminierung zu reagieren, egal wen es trifft. Es wird mit ihnen eine Selbstverpflichtungserklärung erarbeitet und ein Peerunterstützungssystem in der Klasse implementiert.

Der erste Schritt ist für Sie, mit der Klasse zu arbeiten, um einen Stopp zu erreichen?
Nein. Als erstes muss das Opfer gestärkt und stabilisiert werden. Es müssen die Verletzungen des Opfers angesprochen werden, denn es gibt nicht wenige, die suizidale Gedanken haben. Das wird oft unterschätzt. Opfer brauchen eine Gelegenheit, ihr Herz auszuschütten. Dann müssen mit dem Schüler, seinen Eltern dem Klassenlehrer und manchmal auch mit der Schulleitung gewaltfreie Lösungsmöglichkeiten besprochen werden, wie beispielsweise die systemische Mobbing- oder Kurzintervention.
Sie sprachen von Zeitmangel. Welche Möglichkeiten haben dann Lehrkräfte, die sich diesbezüglich nicht fort- oder weiterbilden können, auf das Opfer eingehen zu können?
Die Lehrkraft hat natürlich die Pflicht, sich Unterstützung zu holen, wenn sie das nicht selber kann. Sie sollte die Schulleitung informieren. Experte kann der Schulpsychologe oder ein Schulsozialarbeiter sein, aber auch externe Fachkräfte und Beratungsstellen. In Baden-Württemberg gibt es beispielsweise das vom Sozialministerium geförderte Landesnetzwerk Konflikt-Kultur. Wichtig ist, dass es fortgebildete Fachleute gibt. Eine entsprechende Fachkompetenz ist Voraussetzung für eine effektive Hilfe.
Welche Rolle spielen die Eltern, die bei der Konfliktlösung sicher beteiligt werden wollen?
Sie können vieles richtigmachen, aber auch vieles falsch. Dazwischen gibt es sehr viele Grautöne. Was ich oft erlebt habe, ist, dass die Eltern des Opfers Kontakt mit denen der Täter aufnehmen. Das ist ein großes Risiko für das Opfer, weil es für die Täter in der Klasse Mitgefühl erzeugen kann, wenn diese sich als Leidtragende darstellen können. Oder Eltern versuchen mit anderen Eltern eine Übereinkunft zu erzielen, die oft scheitert, weil es sehr natürlich ist, dass einem die eigenen Kinder am nächsten stehen.

Was ich immer rate: Das Opfer und seine Eltern brauchen Unterstützung und Gesprächspartner. Es geht darum, Vertrauen zu schaffen und ihnen zu signalisieren, dass jemand an ihrer Seite steht. Ob und wann die Eltern der Täter mit einbezogen werden, hängt sehr vom Konfliktgeschehen ab. Grundsätzlich sollte zunächst ein Schwerpunkt der Intervention auf die Klassenebene gelegt werden. Hier werden noch keine Täter identifiziert. Wie von jeder Regel kann es auch hier Ausnahmen geben. Es hängt vom individuellen Fall ab. Eine gute Diagnostik wirkt da wie ein Navi.
Braucht das Thema Konfliktbewältigung demnach mehr Platz im Klassenraum?
Wenn man es von der positiven Seite sieht, also Konflikte als Lernchance auffasst, um zum Beispiel persönliche Fähigkeiten zu fördern, die es für den Erhalt unserer Demokratie braucht, dann sollte dies eine größere Rolle spielen. Denn Demokratie ist ja nicht nur eine Regierungsform. Demokratie ist eine Lebensform, die in jeder Klasse gepflegt werden sollte. Das heißt, im Alltag mit Vielfalt und Andersartigkeit umzugehen und Toleranz zu üben, gerade dann, wenn es knirscht. Eine Klasse sollte man als Trainingsraum für soziale Kompetenzen begreifen, in der Demokratie positiv erfahrbar wird.
Zur Person: Jürgen Schmidt ist als Teamleiter langjährig in der Schulsozialarbeit tätig. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Konflikt- und Einzelhilfe, Gewalt- und Suchtprävention, Mobbing- und Kinderschutzintervention im schulischen Feld. Als Gründer von sys.paed bildet er Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen und andere Fachkräfte in Schule und Jugendhilfe in innovativen demokratiepädagogischen Präventions- und Interventionskonzepten fort.

Das Interview führten Natascha Riebel und Martin Daßinnies.