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Hate, Shaming, Blaming

Lesezeit: Minuten
Den Körper bis zur Selbstaufgabe trainieren, bewusst auf Essen verzichten oder Hormonpräparate konsumieren? Geht es um die seelische und körperliche Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, zeigen sich die sozialen Netzwerke als wahrer Dschungel.

Laut JIM-Studie 2021 sind Jugendliche täglich im Durchschnitt 4 Stunden online und mehr als zwei Drittel der 12- bis 19-Jährigen nutzen mindestens eines der gängigen sozialen Netzwerke, um sich inspirieren zu lassen und die aktuellen Trends zu verfolgen. Dass im Social Media Kosmos nicht alles heile Welt ist, sollte allen klar sein. Hinter der Fassade verstecken sich oft auch Hassbotschaften, Manipulation und Diskriminierung.

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Glanzwelt Social Media

Die Interaktion in den sozialen Kanälen kann heutzutage zur Identitätsbildung junger Menschen mit beitragen. Doch viele Inhalte, die den Heranwachsenden präsentiert werden, zeichnen ein verzerrtes Bild der Realität: Zehntausend Likes für den definierten, muskulösen Körper oder das perfekte Gesicht ohne Spuren von Akne oder sonstigen Makeln. Kindern und Jugendlichen wird suggeriert, dass diese perfekt in Szene gesetzten jungen Menschen der Realität von vielen entsprechen. Wer beim Wetteifern nicht mithalten kann oder es einfach nicht möchte, braucht ein hohes Selbstbewusstsein. Nicht selten wird er jedoch zur Zielscheibe von Hass.

58% der 12- bis 19-Jährigen gaben im Jahr 2021 an, dass ihnen mindestens einmal im Monat Hassbotschaften begegnet seien, 47% sagten dies über beleidigende Kommentare. Doch welche Motive stecken dahinter? Ein britischer Report aus dem Jahr 2021 nennt Xenophobie, Misogynie und Homophobie als die drei prominentesten Formen von Hate Speech. Xenophobie, die Fremdenfeindlichkeit, verkörpert unzählige Formen von Hass gegen das vermeintlich „Andere“. Misogynie bezeichnet den Hass gegen Frauen und Homophobie Hass gegenüber Homosexuellen.

Body Shaming, eine perfide Form der Diskriminierung

Unter dem Aspekt des Drucks zur Selbstoptimierung gilt Body Shaming als eine besonders diskriminierende Form von Hass. Beim Body Shaming werden Personen aufgrund ihres Körpers beleidigt und abgewertet. Vorrangig sind davon Menschen mit einem BMI (Body-Mass-Index) über 30 betroffen, da via Social Media verstärkt, die Norm gilt: Wer keinen fehlerfreien schlanken Körper hat, ist unsportlich und lebt ungesund. Bestätigung findet dieses verzerrte Körperbild durch diverse Lifestyle-Produkte, die von perfekt aussehenden und per Photoshop optimierten Fotos von Influencer*innen vermarktet werden. Oftmals führt dies zu einer Nichtakzeptanz des eigenen Körpers, der diesen vorgegebenen Idealen nicht entspricht.

Laut einer Studie aus 2018 hielten sich 41,5% aller Mädchen zwischen 11 und 15 Jahren für übergewichtig und 45% gaben an, sie würden gesundheitsriskante Methoden - wie Mahlzeiten auslassen oder sich mit Absicht nach dem Essen übergeben - für die Gewichtskontrolle anwenden. Ferner erreicht Body Shaming häufig Gruppen, die z. B. durch eine Behinderung eher unsichtbar auf den sozialen Medien sind und drängt diese noch weiter ins digitale Abseits. In allen diesen Fällen werden Menschen auf auffällige äußere Merkmale reduziert. Diese Art von Hatespeech und Diskriminierung ist besonders perfide, da sie oftmals auch noch als gut gemeinte Botschaft verpackt wird.

Hass hat viele Facetten: Von offenkundigen Beleidigungen bis hin zu subtilen, suggestiven Methoden. Ein Beispiel: Eine eher übergewichtige junge Frau zeigt sich in einem ihrer Posts freizügig am Strand und bekommt daraufhin Kommentare, in denen sie beschimpft wird. Doch dabei bleibt es nicht. Es folgen Kommentare, die ihr nahelegen, sich doch lieber nicht so freizügig zu zeigen bis hin zu dem Hinweis, dass sie selbst schuld sei, wenn sie sich so in den Medien zeigt. Es handelt sich hierbei um Victim Blaming, oder auch Täter-Opfer-Umkehr. Dabei wird den Betroffenen selbst die Schuld an einem Vorfall zugewiesen.

Body positiv, oder besser neutral

Die oben genannten Formen der unterschwelligen, manipulativen Kommunikation erfordern Sensibilisierung bei der jungen Zielgruppe. Aber kein Grund zu verzweifeln. Die Body Positivity-Bewegung brachte hier bereits den Stein ins Rollen. Noch vor 15 Jahren undenkbar, ist es heute gang und gäbe, dass sich Menschen abseits konstruierter Normvorstellungen medial präsentieren. Der Begriff „Body Positivity“ steht dabei für Selbstliebe mit dem Ziel, zum eigenen Körper zu stehen und sich wohlzufühlen, so wie man ist.

Wissenschaftlich betrachtet wird die Bewegung begrüßt, denn sie öffnet den Diskurs über das Thema „Körper“ auf den sozialen Medien. Dennoch gibt es Kritik. Wissenschaftler*innen, wie Silja Vocks, plädieren für ein weiteres Modell, das gerade Jugendlichen helfen kann: Body Neutrality. Während Influencer*innen den Trend zur bedingungslosen Liebe des eigenen Körpers propagieren, soll mit dem Neutralitätsgedanken der Fokus weg von der überzogenen Konzentration auf den eigenen Körper gelenkt werden. Ziel sollte es sein, ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper zu bekommen, das heißt, seinen Körper so anzunehmen, wie er ist und sich frei von vermeintlichen Schönheitsidealen zu entwickeln. Letztendlich soll Selbstwert nicht über den Körper, sondern über den Charakter und Werte definiert werden.

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